Es gibt ihn manchmal, den eigenartige Moment im
Theater, wo alles egal ist, alles Fluss, Tempo und Phantasie ist. Solche
glückhaften Augenblicke sind so rar wie ... nun ja, gebügelte Hemden in
Junggesellenhaushalten.
Mit dieser Junggesellenmetapher ist man denn auch mitten im schönsten
Klischee und das mag ein guter Einstieg sein für eine Besprechung über Geld & Gott, die Produktion, die
genau so etwas kann, nämlich einen kleinen Augenblick Theaterglück
erschaffen.
Denn mit den Klischees des Film noir, der Sprache, der Diktion, dem Gestus der Chandler-Hammet-Dorothy-Parker-Welt wird da gespielt. Die Schauspielerin in der »Nighthawks«-Bar, der einsame Jäger mit dem Geldkoffer, die satten Bläserriffs amerikanischer Big Bands als Sample unter die Szene gelegt. Auf der Bühne ist eine Art »Quarterpipe« gebaut, links und rechts stehen zwei Röhrenfernseher - so altmodisch, nicht »retro«
[...]
Und sie können auch alle spielen wie der Teufel, die fünfeinhalb Darsteller Miguel Abrantes Ostrowski, Martin Gantenbein, Mareike Sedl, Nicole Steiner und Silvester von Hösslin (einer im Fernsehkasten, deswegen nur halb: Dietmar König), immer hart auf Anschluss, mit irrem Tempo, wie es sich für eine ordentliche Screwball-Comedy gehört. Singen können sie auch noch und selbst die Schauspielerchoreographien, die ja fast immer an Unbeholfenheit kaum zu überbieten sind, sehen hier gut aus.
Fast wär das alles die wahre Musical Comedy, wäre da nicht der elegant versponnene Dante-Plot, mit seinen skurrilen Superhelden-Einschüben. Immer wieder mal schiebt sich eine groteske Idee in den Ablauf, wie die Fahrt in Charons Nachen im Gummiboot (»Wieso sagt der nichts?«) oder gar die Apotheose der Protagonisten im albernen Kostüm mit Cape. Das schöne an der Sache ist: Trotz kleiner Bühne, trotz minimalem Ensemble, trotz Videoeinspieler und räumlicher Beschränktheit entstehen Bilder für Träume und Albträume, die sich vom gezielten Klischee wahrhaftig lösen können.
Zu verantworten hat das das Zürcher Ensemble Mass
& Fieber, geschrieben haben das Brigitte
und Niklaus Helbling. Er ist auch
Spielleiter dieses flotten Ensembles und war einst ein gescheiter Dramaturg
am Thalia unter Flimm und macht inzwischen solche blitzgescheiten Sachen
auf dem Theater. Was uns wieder einmal zeigt, dass nicht nur der Etat entscheidet
auf dem Theater, Herz, Kopf und Humor, und sei er gar abwegig, machen
da viel mehr aus. All das gab es an drei Abenden auf Kampnagel, was
ein Glück.
http://www.hamburger-feuilleton.de/2011/03/14/805500/
Mass & Fieber begeisterten schon vor einigen Jahren mit ihren Projekten „Präriepriester“,
„Krazy Kat“ oder „Autodrom“ in Hamburg. Lebenskonzepte in ein sarkastisches Extrem zu
treiben, das ist Helbling eine diebische Gaudi. Auch in „Geld und Gott“ spielt er mit dem White
Trash der Casting- und Talkshows. Fantasiert das aufs herrlichste hoch und lässt es in Grund
und Boden spielen. Frei nach Heine: „Vom Sublimen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt“. (den ganzen Bericht hier)
Der Text von «Geld & Gott», geschrieben von Brigitte und Niklaus Helbling, verzahnt verschiedene Handlungsstränge auf überraschende Weise zu einem absurden Ganzen. Die Ereignisse überstürzen sich zuweilen - nach besonders lauten und temporeichen Passagen baut Regisseur Niklaus Helbling dramaturgisch geschickt Gesangseinlagen ein, während derer sich der Zuschauer erholen kann. Das macht die wilde Mischung aus Gesellschaftssatire und luftiger Soap-Opera leicht, aber nie seicht.
den ganzen Artikel im Archiv der BaZ (Verlagseite)
Die Beleuchtung und die (höchst originellen) Videoprojektionen, die
eingängige, zwischen Jazz, Filmmusik und Musical oszillierende Musik
von Martin Gantenbein, die präzisen, auch choreographisch und
gesanglich überzeugenden Leistungen der Protagonisten, das originelle,
eindrücklich schiefe Bühnenbild von Dirk Thiele, der Drive von Niklaus
Helblings straffer, jeden Durchhänger vermeidenden Regie: all das
verbindet sich zu den zwei Stunden einer Darbietung, die den
Qualitätsanspruch eines großen Theaters mit der frisch-ungehemmten
Gestaltungslust der freien Bühne verbindet und zuletzt vom Publikum mit
nichtendenwollenden Ovationen gefeiert wurde. (den ganzen Bericht hier als PDF)
«Some-thing is happening here but you don’t know what it is» geht der Refrain des Abends.
Wir dagegen wissen eigentlich genau, was hier passiert, denn die Autoren haben ihre unschwer
deutbare Parabel auf das Böse im Kosmos der Bernard Madoffs und Josef Ackermanns in ein
simples, flottes Comic-Plot gepackt und brettern damit, in der Regie von Niklaus Helbling, über die
bühnenbeherrschende Quarter-Pipe wie selbstverliebte junge Skater. Das karge und kluge
Bühnenbild, ein Symbol des Auf und Ab am unbarmherzigen Markt, hat Dirk Thiele gebaut, und
die Protagonisten funktionieren das Ding mal zum Hotel um, mal zum Schiff, mal zum
Häusermoloch aus postindustrieller Zeit. (den ganzen Bericht hier als PDF)
...Hinzu kommen eingängige musikalische Einlagen, faszinierende Videoprojektionen auf den Hintergrund und auf TV-Geräte im Vordergrund, die dem witzigen und teuflischen Geschehen eine abgründige und zuweilen humoristische Note verleihen, etwa wenn Juan zusammen mit dem Bildschirm eine Omelette brät. Geboten wird großes Theater auf kleiner Bühne, das den Vergleich mit der großen Bühne nicht zu scheuen braucht. Das Premierenpublikum bedankte sich am Donnerstagabend mit lang anhaltenden Ovationen.
Auch “Geld und Gott” ist keine einfache Geschichte und vernetzt sehr viel sehr dicht miteinander – nichts Geringeres als Geld, Gott und die Hölle, als die Kritik am globalen Finanz- und Kapitalismussystem und der völligen Selbstüberschätzung derer Protagonisten. Alles schon mal gesehen und gehört, in letzter Zeit? Mit Sicherheit nicht in der Form, wie von Mass & Fieber dargestellt. (den ganzen Bericht hier als PDF)