Neue Zürcher Zeitung; 25.02.2006; Seite 47; Nummer 47
Houdini on the Rocks
von Daniele Muscionico
«Houdini», so wie der historische Entfesselungskünstler,
heisst die neuste Mehrkanal-Produktion der wilden Hunde von Mass & Fieber.
Die Rock'n'Roll-Show von Nick Helbling und Co. beginnt mit leichtem Entertainment
und endet, eine clevere Leistung, im schwer Politischen.
Theater im Zeichen des Pflastersteins. Hart, aber herzlich ist das Genre,
das die Gruppe Mass & Fieber um den Regisseur Nick Helbling erfunden hat,
1999 mit dem längst legendären «Bambifikation» - und
mit der Lancierung der Schauspielerin Fabienne Hadorn. Denn das Genialische
dabei: Die Pflastersteine erfahren in der Hand der Helblingschen Politaktivisten
stets eine derart artistische Drehung, dass sich keine Macht der Welt, selbst
druckempfindliche Stadttheater-Regenten nicht, vor ihnen fürchten muss.
Mass-&-Fieber-Produktionen sind nicht nur Inhalt, sondern ebenso Form:
Sie sind eine Fusion von philosophischem Brain-Work, edlem Art- Work und den
musikalischen Fesselungen von Martin Gantenbein und Markus Schönholzer.
Sie haben, das jüngste Hörbeispiel ist unerhört, von Robert
Schumann bis David Bowie alles im und auf dem Kasten.
Im Mascotte, einem der ältesten Klubs der Schweiz, ist Mass & Fieber
mit «Houdini» jetzt eine besonders perfide Störaktion geglückt.
[...] «Die Sicherheit liegt im Risiko.» Dieser Gedanke wird auf
Dirk Thieles funktionaler Spielfläche, halb Striplokal, halb Konzertbühne,
ins Tagespolitische weitergedacht. Nicht nur in Richtung Guantánamo
. . . Die innere Sicherheit, verantwortlich für Houdinis Willen und Wahn
- gefesselt zu werden, um sich zu befreien -, wird derjenigen der Politik
gegenübergestellt und ihrem Prinzip, Sicherheit nicht als Befreiungs-,
sondern als Disziplinierungsmassnahme zu verstehen. So weit, so theoretisch.
Zu theoretisch, möglicherweise. Denn erst, wenn der konzeptuelle Ballast
in den Kulissen bleibt und die Darsteller tun, was sie so brillant können,
dann ist die Inszenierung bei sich selbst angelangt - den vier Multitalenten
am Gitarrenhals oder, als Go-Go- Girl, an der Stange: bei der Slapstick-Sirene
Fabienne Hadorn, bei Markus Schönholzer als ewigem «Midnight Cowboy»,
«Super Pussy» Vivien Bullert und Phil Hayes, ein illegitimes Mitglied
von Monty Python. Explosiv ist diese Mischung, und wie Houdini schafft auch
sie es, Mauern des Verstands zu sprengen. Wie Luft.
Tages-Anzeiger; 25.02.2006; Seite 46
Die letzte Befreiung
von Simone Meier
Houdini, der Mann, der ein nicht so langes Leben lang (1874-1926) nichts anderes
tat, als sich vor Publikum aus den verrücktesten Fesselskulpturen zu
befreien, wirkt auch auf heutige Frauenaugen immer noch ziemlich attraktiv.
Man muss sich das vorstellen: Ein total durchtrainierter junger Mann mit glühenden
Augen lässt sich - halb nackt! - unter Wasser, in einer Milchkanne oder
einem Sarg fesseln, immer knapp über der eigenen Schmerzgrenze und der
des Publikums, geht so nahe an eine Todeserfahrung heran wie möglich
und befreit sich immer wieder. Es mag reine Illusion oder akrobatisches Können
oder beides gewesen sein, aber es gab für Houdini im Rahmen des Menschenmöglichen
jahrzehntelang keinen einzigen Gegner. Houdini war so was wie der Mensch gewordene
Jack Bauer seiner Zeit.
Nun, dieser Vergleich hinkt natürlich von seiner chronologischen Wahrscheinlichkeit
her ganz phänomenal, stimmt aber, wenn es darum geht, sich in die Köpfe
des Mass & Fieber-Ensembles hineinzuversetzen. In eine Welt, die jegliche
Grenzen negiert, die Leben und Kunst, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, alles
in einen grossen Topf wirft und schaut, wie sich die Dinge assoziativ zueinander
verhalten. Dazu kommt viel Musik (von Markus Schönholzer und Martin Gantenbein),
die auch einfach macht, was sie will, die Grunge mit altem Jazz, Elvis und
allen möglichen ethnischen Einflüssen mischt und super klingt. Es
ist die grösstmögliche Vielfalt von Dingen, auf Englisch die «Variety»,
die sich da findet, und so ist es denn auch das Naheliegendste der Welt, dass
die neue Mass & Fieber-Produktion «Houdini: Die Rock-'n'-Roll-Show
der letzten Befreiung» in einem ehemaligen Variété stattfindet,
im Mascotte-Club nämlich, der wiederum im Corso-Haus beim Bellevue daheim
ist, wo früher einmal Leute wie Josephine Baker herumturnten.
Doch dies - die Show, der Glamour, die fast unerträglich sexy Mädels
(Fabienne Hadorn und Vivien Bullert) in Glitzerkostümen, Houdini (Philippe
Graber) - ist nur der Rahmen: das Mass, das Gefäss, das den Fieber von
aussen zusammenhält. […] Immer geht es irgendwie um zunehmende äussere
Zwänge, die die innere Sicherheit gewähren. Um die opportunistische
Biegsamkeit von Menschenrechten. In einer grandiosen «24»-Persiflage
spielt Fabienne Hadorn Jack Bauer, der einem Terroristen gerade vorflunkert,
seine Familie zu Tode zu foltern. Und dann ist da noch der WPS, der «Worldwide
Protection and Security»-Service, der die sichersten Pakete und Foltermethoden
liefert. Das ist alles schnell, laut und lustig (Regie Niklaus Helbling),
grandios gespielt (dazu gehören auch Phil Hayes und Markus Schönholzer,
Chapeau!), zuweilen von einer gewissen glitzernden Kitschseligkeit der Texte
(Brigitte und Niklaus Helbling). Tief, na ja, nicht wirklich, aber das erwartet
man in einem Variété ja auch nicht wirklich.
PS. Showbiz wird übrigens auch als Foltermethode entlarvt. Was jedoch
zum Glück nicht für diesen Abend gilt. Man verlässt nämlich
den Klub mit der uralten Theatererkenntnis, die sich nur nach tollen Abenden
einstellt, nämlich, dass Schauspieler ganz einfach der geilste Beruf
der Welt sein muss.
NZZ am Sonntag; 26. Februar 2006
Houdini. Die Rock'n'Roll-Show der letzten Befreiung. A Mass & Fieber
Production.
von Regula Freuler
Ladies and gentlemen: the great Houdini! Sein Name ist Synonym für Magie.
Man nannte ihn «The Escapist»: Ob Handschellen, Zwangsjacken oder
Käfige - keine Fessel widerstand ihm. Auch wollte Harry Houdini, 1874
als Sohn eines Budapester Rabbi geboren und bald darauf mit den Eltern in
die USA emigriert, die abergläubige Menschheit von der Fessel der Parapsychologie
befreien. Bloss den Fesseln der eigenen Psychologie entkam er nicht. Die Mamme
verehrte er ödipal, er kannte die Melancholie des Affen hinter Zoogitterstäben
und die soziale Inkompatibilität eines King Kong, denn vor seinen «white
lies» erschauerte die Menschheit damals, wie sie heute vor den «dirty
bombs» der Terroristen erzittert . . . Ladies and gentlemen: Mass &
Fieber, Switzerland's Greatest Assoziationsmaschine onstage! Ihr Name ist
Synonym für intelligentes Poptheater. In einer furiosen Vaudeville-Show
präsentieren sie Taten, Neurosen und den absurden Tod des Entfesselungskünstlers
zwischen Psycho-Rock und Mamme-Swing (Fabienne Hadorn at her best), Enforced
Disappearance und Girl's Wrestling. Houdini würde sich keineswegs im
Grab umdrehen - auch wenn er das sicher könnte.
Der Landbote; 25.02.2006; Seite 23
Das entfesselte Theater spielt Zwangsjacke
von Roland Maurer (sfd)
[…] Hundert Minuten lang fliegen die Fetzen: Nice Girl (Vivien Bullert),
Bad Girl (Fabienne Hadorn) und ihre Kollegen Good Cop (Phil Hayes) und Bad
Coop (Markus Schönholzer) ziehen musikalisch, akrobatisch, mimisch und
gestisch alle Register, um herauszufinden, wer dieser Houdini (flott gespielt
von Philippe Graber) eigentlich sei. Ein genialer Zauberer ist er immer noch.
Nur haben Brigitte und Niklaus Helbling in ihren Houdini-Text noch den WPS
eingeführt: World Parcel Service, in Tat und Wahrheit ein World Prisoner
Service. Und das macht das Leben für Houdini gefährlich: Der Entertainer
könnte auch ein Terrorist sein, darum muss ihn der WPS in einer Kiste
irgendwohin auf der Welt verschleppen. Unter Folter soll er Terrorpläne
gegen brave Bürger verraten.
Spätestens da sind Houdini als Figur und die Truppe Mass&Fieber mit
ihrem Spektakel in der Gegenwart angelangt. In vielen Momenten aber überdeckt
die perfekte Show den heutigen Ernst der Fakten.
Basler Zeitung; 27.02.2006; Seite 8
Musik, die in der Kehle kratzt
von Stephan Reuter
GRELL. Er war ein Superstar und so exaltiert: Erich Weiss (1874-1926), den
die Welt nur unter seinem Pseudonym Harry Houdini kennt. Der gebürtige
Österreicher aus New York, Sohn einer Auswandererfamilie, liess sich
lebendig begraben, er stürzte sich gefesselt in die Seine, befreite sich
aus Zwangsjacke und Milchkannen, kurz: Er war der berühmteste Entfesselungskünstler
seiner Zeit. Nun staucht die berühmteste Zürcher Rocktheatergruppe
ihrer Zeit, Mass & Fieber, den grossen Houdini auf Backstreet-Club-Format
zusammen: Philippe Graber, Berliner Schauspieler mit Zürcher Wurzel,
erdet den Magier als Wachsgesicht mit gekleistertem Seitenscheitel, Mama-Komplex
und Parodontose-Problem. Einer, der die Zuschauer mit Tricks und Straps-Girls
bei der Stange hält. Dieser Houdini ist alles andere als ein Meister
der Grossillusion. Eher ein Held aus dem Schmieren-Variété.
Und wie bei Mass & Fieber üblich: Irgendwann kippt die Handlung aus
den Latschen, bekennt sich grell und gnadenlos zu ihrer Überspanntheit.
Vom Zauberer mit Zylinder bleibt ein Irrer mit Pappkrone übrig, für
den Mütterchen Weiss (grandios quirlig: Fabienne Hadorn), tot wie sie
ist, ins Taschentuch spuckt und die Schminke von der Wange wischt. Oder war
der Kerl ein von Killeragenten gekidnappter Terrorist? Ein unschuldiges Folteropfer?
Wir werden das Geheimnis nie knacken. Denn irgendwie haben wir den Dreh verpasst,
mit dem die Autoren Brigitte und Niklaus Helbling die Houdini-Story in die
global synchronisierte Synthetikwelt der CIA verschieben. Macht nichts. Die
Mass&Fieber-Livemusik trasht und crasht und kratzt so herrlich in der
Kehle, dass es eine echte Entschädigung ist.
DRS aktuell; 24.2.2006
Harry Houdini ist zurück!
von Kaa Linder
Im traditionsreichen Mascotte ist Mass & Fieber gut aufgehoben. Anfang
des 19. Jahrhunderts als Varietetheater für Artisten und Bands aus aller
Welt eröffnet, ist der Club exakt die richtige Adresse für das Kultformat
aus lauter Musik und viel Action, und der richtige Ort für die Legende
des größten Zauberers aller Zeiten. […] Die Geschichte von
Harry Houdini alias Ehrich Weiss […] dient Mass & Fieber als Sprungbrett
in eine rasante und raffinierte Reflexion über den Zusammenhang von Zauber
und Wirkung, von Illusion und Sicherheit. […] Doch die Regeln der Bühne
gelten auch im richtigen Leben. So mutiert der Magier zum suspekten Subjekt,
wird in die Klapse gesteckt und bald zum Terrorverdächtigen deklariert.
Als Verschwörungstheorien und Folter ins Spiel kommen, wird Houdini zum
Verteidiger der inneren Freiheit schlechthin. Das Spiel mit der Illusion hat
politische Dimensionen angenommen. […] Nach bewährtem Programm erzählt
Mass & Fieber nun aber keine lineare Geschichte. […] Houdinis Entourage
aus zwei Cops und zwei Krankenschwestern entpuppt sich als musikalischer Sturmtrupp,
und auch der Orientierungssinn des Publikums kommt arg ins Schwitzen [...]
unterhaltsam und spritzig ist das allemal. Am Ende bleibt die Zauberkiste
leer: der Magier hat sich in Luft aufgelöst und alle Fragen des Publikums
grinsend mitgenommen.
PS 2. März 2006
Trickreich
von Thierry Frochaux
Die Show namens „Houdini“ ist ein Feuerwerk der Ideen, dargeboten
zwischen Variété-Show, Zauberabend und Live-Konzert... Dann
und wann droht der politische Ansatz etwas in den Wirrungen gar vieler Seitenhiebe
und -ideen zu verlieren, kehrt dann aber immer auf den sicheren Handlungsstrang
(er glaubt immer noch, er sei Houdini) zurück und nimmt die jeweilige
Thematik auch in den Songs auf. Darin sind Lyrics wir „we're lost in
this masquerade“ gekonnt dramaturgisch eingebettet und niemals zufällig
mehrdeutig. Die Abwechslung der Künste zwischen Tanz, Sprechtheater,
Musik, Akrobatik, Wrestling und Zaubertricks ist eine grosse Herausforderung
für die DarstellerInnen und ein Garant für Kurzweil für das
Publikum. Zum Schluss kehrt der Titel „Houdini“ als Meta-Ebene über
den ganzen Abend wieder stimmig zurück, denn auch diese „Mass und
Fieber“-Produktion ist zum wiederholten mal zauberhaft.
Sonntagsblick Magazin; 26. Februar 2006;
Zürich Ausgehtipp
in Claudias Woche
Das Stück „Houdini - Die Rock'n'Roll-Show der letzten Befreiung
der Kulttruppe Mass & Fieber ist ein absolutes Must für Liebhaber
von guter Unterhaltung, herrlichem Schauspiel und schrägem Variété.
Nächste Woche, am Montag 27.2., Samstag 4.3. und Sonntag 5.3. geht auf
der Showbühne des Zürcher „Mascotte“ am Bellevue definitiv
was ab. Don't miss it!
Der Bund; 1. Mai 2006
Entfesseltes Theater
von reg
Wild wuchern die Assoziationen rund ums Gefangensein und den Sicherheitswahn,
Zeiten, Orte und Stoffe wirbeln durcheinander, und auch die Musiknummern ergeben
ein schillerndes Potpourri aus Rock, Musical, Gospel, Schlager und Pop. Aus
dem Zauberkünstler wird im Kulissenumdrehen ein armer Irrer, der nur
glaubt, Houdini zu sein, King Kong grüsst hinter den Gitterstäben
hervor, Houdini muss sich aus den beschützenden Klauen seiner Mutter
winden, da ist ein dubioser „World Prisoner Service“, der die verpackte
Humanfracht auch mit Gewalt zum Reden bringt, und wenn man Folter öffentlich
vollzieht wie Jack Bauer in der TV-Serie „24“, dann wird das Publikum
zum lächelnden Komplizen.
So ist man, knapp an Guantanamo vorbeigeschrammt, am Ende wieder beim Showbiz
angelangt, und Houdinis Assistentinnen setzen zum letzten Trick an, der den
Magier zum Verschwinden bringt - die endgültige Befreiung.
Das Nummernprinzip dieser Theater-Rock-Revue bedingt es, dass Mass & Fieber
stets ihrer Assoziationskette entlangbalancieren und dabei die einzelnen Argumente
gleichwertig nebeneinander stehen - zur funkelnden Theamtischen Entfesselung
kommt es nicht. Vollkommen entfesselt dagegen sind die Akteurinnen und Akteure:
Fabienne Hadorn, Vivien Bullert, Phil Hayes und Markus Schönholzer führen
als furioses Quartett spielend, singend und strippend durch den Abend, Philippe
Graber gibt den schmierig-faszinierenden Houdini, der auf die bindende Kraft
von Handschellen pfeift. Weniger die theoretisch-thematischen Tricks, sondern
Budenzauber und Klimbim, Rock'n'Roll und verruchter Sex-Appeal entfachen die
Magie des Abends.
Die Südostschweiz / 27. November 2006
Sog ins Kuriositäten-Kabinett
Von Uschi Meister
Halb Rock-Oper, halb Gruselkabinett, die Mass&Fieber-Produktion «Houdini»
riss mit Perfektion und Ideenflut die Besucher des Uzner Kulturtreffs Rotfarb
in den Sog neuer Bühnendimensionen.
Anscheinend wussten einzig ausgesprochene Insider Bescheid, dass der Samstagabend
für ein ziemlich aussergewöhnliches Theater-Erlebnis stand. Die
Produktion, die Ende Februar im Zürcher Dancing «Mascotte»
Premiere feierte, war bislang im «Schiffbau» und am Schauspielhaus
zu sehen - nicht von schlechten Eltern also. Dennoch war nicht Klassik angesagt,
sondern ein äusserst modernes Bühnenspektakel, das sich zwischen
Rockmusik, Tanz, Zauberei, Performance, Illusionistenkabinett und Folterkammer
bewegte. Und dies nicht ohne ernsthafte tiefenpsychologische Hintergründe.
Im Mittelpunkt des Spektakels stand Harry Houdini, der Welt gefeierte Entfesslungskünstler,verstorben
1926.
Isolation als Schlüssel
Einige seiner Kunststücke führt das Spektakel zu Beginn vor Augen:
Befreiung aus Ketten,aus der Zwangsjacke, das Verspeisen und wieder aus dem
Magen befördern von Rasierklingen. Ziemlich gruselig, was von dem düsteren
und mystischen Bühnenbild (Dirk Thiele) noch verstärkt wird. Ein
klein wenig an Hansruedi Giger lehnt es sich auch noch an, zumindest im Farbenspiel.
Ebenso bemerkenswert die Miederkostüme der beiden Darstellerinnen (Kostüme
Judith Steinmann), die vorerst für die gängigen Zaubertricks, wie
die schwebende Jungfrau, Feuereffekte und rhythmische Tanzperformances (Choreographie
Salome Schneebeli) herhalten mussten. Die zwei Herren schufen die mitreissende
und knallharte RockBegleitung. Diese Zusammensetzung machte ein bemerkenswert
hochkarätiges Spektakel aus. Um das grosse Bühnenbild in die auch
nicht eben kleine Rotfarb reinzubringen und dann überdies effektvoll
zu nutzen, ist die Truppe schon einige Tage früher angereist und hatte
eigens für diesen Spielort nochmals intensiv geprobt. Der Zuschauer sah
sich von einem angenehmen Strudel gepackt, fortgetragen und hinuntergezogen
in die unergründlichen Tiefen von Mystik, Magie und Verwandlungskunst.
War Houdini ein Genie, ein Schwindler, ein Geisteskranker oder gar der Gefangene
einer Organisation, die Terrorverdächtige in fremde Länder überführte,
so stellte sich die Frage.
Trugbild Unsterblichkeit
Die Frage blieb offen, Houdini hat sich einer genaueren Abklärung entzogen,
bis zum Ruf seiner Mitspieler «He has evaporated», er hat sich
in Luft aufgelöst. Dazwischen lag ein mitreissendes Spektakel mit tiefenpsychologischen
Einflüssen, etwa beim Auftritt der jüdischen, besorgten Mutter.
Oder beim Sex der etwas ungewöhnlichen Art, wie die beiden Frauen vom
derben Schlamm-Wrestling ins wilde Küssen kommen. Als das Signet WPS,
World Parcel Service, ins Spiel kommt, der Houdini jeweils in seiner Kiste
transportiert, wächst das Spektakel ins Multimediale, indem zwei seitlich
aufgestellte Bildschirme per Video noch zusätzliche Eindrücke vermitteln.
Etwa mit Bildern aus der Affenhorde, die den Göttern angeblich die Unsterblichkeit
stahlen. Nichts Voyeuristisches haben die Folterszenen und deren Beschreibung
an sich. Die böse Krankenschwester (Fabienne Hadorn) verbildlicht die
zwangsweise Verabreichung von Medikamenten: «Verdoppeln Sie die Dosis;
wenn sich nichts tut, dann geben Sie noch was extra dazu.» Wohingegen
die Gute (Vivien Bullert) die tödlichen Pillen, die Houdini sich eingeworfen
hatte, mit einem leidenschaftlichen Kuss wieder ans Tageslicht fördert.
Ohne Effekthascherei, aber schrill
Das unsägliche Geräusch beim Fingerbrechen bleibt noch eine Weile
in der Erinnerung. Schmerzen sind es, die den Willen brechen und jeden zum
Reden bringen. Trotz all dieser Gruseligkeiten lebt die Inszenierung nicht
um der abartigen Sensationen willen. Sie zieht vielmehr relativ sanft hinein
in einen Sog, in dem dann die gesehenen Bilder zum Nachdenken zwingen. Phil
Hayes als Good Cop und Markus Schönholzer als Bad Cop stammen aus der
Musik- und Performance Szene. Philippe Graber, der den Magier Houdini ohne
Effekthascherei und Übertreibung verkörpert, spielte unter den ganz
grossen deutschen Theatermachern wie Leander Haussmann in Berlin und an weiteren
renommierten Bühnen. Die Moral von der Geschicht: ein Eskapist ist dringend
darauf angewiesen,dass ihn erst einmal jemand in Fesseln legt.
Weser Kurier / 11. Dezember 2006
Magisches Elixier gegen Weltuntergangsstimmung
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen: "Houdini - die Rock'n'Roll Show
der letzten Befreiung" im Jungen Theater
Von Sigrid Schuer
BREMEN. "See you next year - same show, higher price", spricht der
große Houdini alias Philippe Graber und entschwindet "Hokuspokus"
von der Showbühne, die die Zürcher Kult-Truppe "Mass &
Fieber" im Jungen Theater im Güterbahnhof aufgebaut hat. Wenn Houdini
im nächsten Jahr wieder mit hasadeurreifen Taschenspieler-Tricks fröhlich
seine Auferstehung feiern sollte, dann ist jetzt schon sicher, dass die Fan-Gemeinde
von "Mass & Fieber", zu der ab sofort auch die Rezensentin zählt,
auf jeden Fall wieder kommen wird.Wir wünschen der Zürcher Kult-Truppe,
die diesen Namen zu Recht trägt, dann noch mehr Zuschauer. Und sind untröstlich,
dass es mit der Rezension zur Premiere von "Houdini - die Rock'n'Roll
Show der letzten Befreiung" am Nikolaustag nicht geklappt hat. "Dank"
eines rücksichtslosen Autofahrers, der kurz vor Vorstellungsbeginn die
Rezensentin mit einer Riesen-Regenfontäne bis auf die Haut durchnässte.
Jedenfalls hat das Schweizer Quintett mit seiner zauberhaften Rock'n'Roll
Show ein peppiges Elixier erfunden, das gegen die schwärzeste Weltuntergangsstimmung
hilft. Wie sagt Houdini doch gleich: "So ist das Leben, selten ein Volltreffer!"
Die magische Mischung macht's, die Protagonisten spielen heißen Rock'n'Roll
und drapieren um eine erotisch knisternde, in Ironie schillernder Zaubershow
herum deutliche Kritik an der Überwachungs-Paranoia, die die westliche
Welt erfasst hat. Jemand Exotisches wie der Mann, der behauptet, der große
Houdini zu sein und auch noch fröhlich im Handumdrehn aus jeder Zwangsjacke
hüpft, muss den Cops vom "World prisoner service" mehr als
suspekt sein. Erschwerend hinzu kommt, dass der König der Entfesselungskünstler
auch noch die chinesische Wasser-Tortur kennt. Zwischen zwei Illusionsshow-Blöcken
gibt ein gewisser Jack Bauer (Phil Hayes) mit unbeteiligter Stimme die sadomasochistische
Ersatzbefriedigung zu Protokoll, die ein professioneller Folterknecht bei
der Ausübung seiner gut bezahlten Tätigkeit empfindet.Wir erinnern
uns mit Schaudern an Puccinis Scarpia. Das Nice Girl (Vivien Bullert) und
das Bad Girl (Fabienne Hadorn) blättern gekonnt und lustvoll ein ganzes
Kaleidoskop an Charakteren auf, brillieren mal als Andrew Sisters-Verschnitt
mit dem Houdini-Mambo, strippen hübsch in Strapse verpackt als Sexy Hexys
und herrschen zwischendurch als obercoole Cops das bedauernwerte Houdini-Double
an.Fabienne Hadorn stutzt schließlich mit gekonntem jiddischen Akzent
in der Rolle der von Houdini heiß geliebten Mutter Cecilia ihren Filius
zurecht. Vivien Bullert schüttelt ihre blonde Mähne und schmollt
dazu mit schönstem Marilyn-Appeal, wenn sie nicht gerade als resolute
Krankenschwester ihren Schützling zur Räson bringt. Markus Schönholzer
macht uns als Bad Cop zusammen mit Phil Hayes den Blues Brother.Ja, und Houdini
selbst? Wir kommen aus dem Staunen über die Wandlungsfähigkeit des
alerten Protagonisten Philippe Graber gar nicht mehr heraus. Dem jungen, talentierten
Schauspieler und Illusionisten ist die hohe Schule von Leander Haußmann
anzumerken. Er flirtet als Conférencier mit dem Publikum und verputzt
Rasierklingen als wären es Schoko-Täfelchen, um sie wie an einer
Perlenschnur aufgereiht wieder aus dem Mund zu befördern.Vivien Bullert
wird unter seinen magischen Händen zur schwebenden Jungfrau, wenn er
ihr nicht gerade den Kopf verdreht. Und wir fragen uns, wie um alles in der
Welt macht er das bloß?